Kulturwissenschaften

11. Estudos culturais e estudos pós-coloniais: Reminiscências e perceções dos tempos coloniais no tempo presente
– Susana Pimenta, Fernando Moreira, Orquída Ribeiro –
Kontakt:
spimenta@utad.pt / fmoreira@utad.pt / oribeiro@utad.pt

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“A memória é o fundamento de toda a identidade, individual e colectiva, que se baseia no livre conhecimento de si mesmo, e também das suas próprias contradições e carências, e não no recalcamento, que cria medo e agressividade. Guardião e testemunha, a recordação é também garantia de liberdade (…).” 

Claudio Magris, in A história não acabou, 2011: 151.


Basierend auf Einsichten der Kultur- und Postkulturstudien – und mit besonderem Fokus auf dem lusophonen Kontext – diskutiert die Sektion die gegenwärtige Situierung und Rezeption der Kolonialzeit. Im Zentrum stehen hierbei verschiedene Arten der kolonialen portugiesischen Erinnerungsvermittlung in verschiedensten Medienformaten sowie im öffentlichen Raum. Gleichzeitig legt die Sektion ihr Augenmerk auf das Verstehen der divergierenden Bewertungen derjenigen kulturellen Phänomene, hinsichtlich derer die (post)koloniale Erinnerung Widersprüche birgt und oszilliert. 

Beiträge, die untersuchen, wie die oben dargelegten Themen im Sinne einer gesellschaftlich-öffentlichen Meinungskundgebung in narrativen Texten, Presseerzeugnissen oder der Museologie Ausdruck finden, sind ebenso willkommen wie solche, die digitale Plattformen, soziale Medien, die Akademia oder aber die Arbeit von Kulturzentren in den Vordergrund rücken.

Sektionssprache ist ausschließlich das Portugiesische.

 

key words: Kulturstudien; postkoloniale Studien; koloniale Erinnerung; lusophoner Kontext; kulturelle Manifestierungen

12. Andere Zeitlichkeiten: Kunst, Literatur und Widerstand in Brasilien
– Peter W. Schulze, Luca Bacchini, Carola Saavedra –
Kontakt:
peter.schulze@uni-koeln.de / luca.bacchini@uniroma1.it / csaavedr@uni-koeln.de

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In den letzten Jahren durchläuft Brasilien tiefgreifende soziale und politische Veränderungen, deren Hauptaspekt der Zusammenstoß gegensätzlicher Kräfte ist: Während das Land auf der einen Seite eine tiefgreifende und systematische Beschädigung seiner demokratischen Institutionen erlebt, verstärken sich auf der anderen Seite die Stimmen, die bis dahin kaum präsent waren. Gruppen ohne angemessene Repräsentation im Staat, ohne Raum in den Medien, ohne tatsächliche Rechte. Eine immense ‚Minderheit‘, zu der die Mehrheit der Bevölkerung gehört: vor allem Schwarze, Indigene, Frauen, LGBT, populações periféricas, ribeirinhas und quilombolas. Diese Diskrepanz der Machtpositionen spiegelt sich auch in den Künsten wider, deren Institutionen u.a. durch den Markt, die Verleihung von Preisen und den Raum in den Medien regulieren, wer als Künstler/in anerkannt wird.

 

Wenn jedoch einerseits die Kunst als Institution ein Machtinstrument ist, kann sie andererseits als kreativer Prozess und als Form der Einmischung in die Welt einen subversiven Charakter haben und zu einem Raum der sozialen Transformation und des Widerstands werden. In diesem Sinne ist es das Ziel der Sektion, diese Stimmen zu analysieren, die in den letzten Jahrzehnten aufkamen, etwa von Conceição Evaristo und Edimilson Pereira de Almeida in der Literatur, Alberto Guarani und Patrícia Ferreira Pará Yxapy im Kino oder Rosana Paulino und Jaider Esbell in der bildenden Kunst. Künstlerinnen und Künstler, die immer mehr nationale und internationale Sichtbarkeit erlangen mit Narrativen, die andere Zeitlichkeiten beinhalten. Auf welche Weise tragen sie, indem sie zum Schweigen gebrachten Subjektivitäten eine Stimme verleihen, zur Schaffung anderer möglicher Welten bei? Etwa indem sie die bisher erzählte Geschichte (die Geschichte der ‚Gewinner‘) neu schreiben, die Erfahrung der Gegenwart intensivieren und künstlerische Räume öffnen, um über Brasilien mit seiner Tradition der Sklaverei und des Autoritarismus als Land mit einer anderen möglichen Zukunft nachzudenken. Auf welche Weise reorganisieren die verschiedenen Subjektivitäten die Zeit? Wie kann die zirkuläre Zeit der indigenen Kulturen, die Zeit des afro-brasilianischen futuro-ancestral oder die kommende Zeit des politischen Aktivismus zu neuen Narrativen beitragen? Ausgehend von den Worten Octavio Iannis – „Die Moderne vermischt sich im Kaleidoskop der Vergangenheitsform, der ‚Zyklen‘ verschiedener Zeiten und Orte, als wäre die Gegenwart ein archäologisches Repositorium von Zeiten und Regionen“ – ist der Frage nachzugehen, wie sich diese Moderne konfiguriert und welche möglichen Zukünfte noch geschaffen werden können.

 

Neben etablierten Künstler/innen und Formaten, sollen in der Sektion vor allem auch marginalisierte Kulturproduktionen behandelt werden, etwa solche, die sich manifestieren in Events wie Sarau das Minas und Leia Mulheres, in Formaten wie Videopoesie und lives oder in Literatur und Filmen kleiner Verlage und Produktionsfirmen, die sich den Schwierigkeiten eines zunehmend abgeschotteten Marktes widersetzen. In Brasilien, das in seiner vielleicht größten institutionellen Krise steckt, sind Kunst und Literatur mehr denn je eine Säule des Widerstands. 

 

Die Sektion wird ausschließlich in portugiesischer Sprache stattfinden. 

13. As múltiplas temporalidades das (in)tolerâncias religiosas no mundo lusófono
– Angelo Adriano Faria de Assis, Marcus Vinicius Reis –
Kontakt:
angeloassis@uol.com.br / marcus.reis@unifesspa.edu.br

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Die Beschäftigung mit religiöser (In)toleranz ist zeitlos. Eine besondere Herausforderung für die Geschichtswissenschaft liegt deshalb darin, deren kontextabhängige Strukturierung aufzudecken. In diesem Zusammenhang offenbart bspw. bereits eine einfache Internetsuche ein gestiegenes Aggressionspotenzial gegenüber afro-brasilianischen Religionen, das sich auch in einer Reihe von Übergriffen auf Kultorte und Einflussbereiche ebendieser niederschlägt. Es zeigt sich in diesen Gewaltakten – so unsere Ansicht – ein klares Klassen- und Rassengefälle, dergestalt, dass sich die Verfolgungen in ihrer großen Mehrzahl gegen schwarze und äußerst arme Bevölkerungsteile, die Anhänger (häufig dämonisierter) Minderheitenreligionen sind, richten. Ebenjenes Gefälle lässt sich denn auch in Bezug auf religiöse Praktiken indigenen Ursprungs feststellen, insofern als widerfahrene Intoleranz bspw. seit der Santidade de Jaguaripe im 16. Jh. – analysiert in Ronaldo Vainfas‘ Klassiker A Heresia dos Índios (1995) – eine Konstante in der Geschichte indigener brasilianischer Bevölkerungsgruppen darstellt. Wie der Tod Fabiane Maria de Jesus’ 2014 – zurückzuführen auf deren angebliche Verhexungspraktik an Kindern in Osasco/São Paulo – zeigt, können auch Genderfragen zu verschiedensten Zeiten und an verschiedensten Orten mit religiösen Problematiken verwoben sein. Außerhalb Brasiliens schließlich sei die Verfolgung angeblicher Hexen-Kinder, praktiziert bspw. in Sambizanga/Luanda (Angola), hervorgehoben. Es bleibt also festzuhalten, dass das Binom Toleranz/Intoleranz in einer Vielzahl von Zeitlichkeiten virulent ist, und zwar sowohl in verschiedensten Etappen der Vergangenheit als auch in den sozialen, kulturellen und politischen Äußerungsformen der Gegenwart. So wäre auch der etwa dreihundertjährige Fortbestand des portugiesischen Tribunal do Santo Ofício ohne Legitimation aus der eigenen Bevölkerung genauso wenig denkbar gewesen wie dessen Auflösung 1821 es ohne die entsprechende Debatte über religiöse Toleranz gewesen wäre. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen versteht sich die Sektion als Diskussionsforum für Arbeiten, die religiöse Äußerungsformen und Praktiken sowie kollektiven und/oder individuellen Glauben in allen Kontexten und Zeitlichkeiten der lusophonen Welt unter Zuhilfenahme der Konzepte von Toleranz und Intoleranz reflektieren.   

Sektionssprache ist ausschließlich das Portugiesische.

14. "Mehr als 90 Minuten“ – Zeiten und Zeitlichkeiten des Fußballs
– Elcio Loureiro Cornelsen, Marcel Veimelka –
Kontakt:
mailto:emcor@uol.com.br / vejmelka@uni-mainz.de

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Vom Thema der Zeitlichkeit(en), das dem 14. Deutschen Lusitanistentag überschrieben ist, führt eine unmittelbare Assoziation zum klassischen Zeitrahmen des Fußballs. An der grundsätzlichen Spieldauer von 90 Minuten richtet sich auch Gunter Gebauer in seiner Das Leben in 90 Minuten betitelten „Philosophie des Fußballs“ (2016) aus, um einerseits die vollkommen auf sich selbst beschränkte "Unmittelbarkeit" der "im gegenwärtigen Moment eingeschlossenen" Stadionbesucher und die von den Spielern erfahrene "reine Präsenz" (Hans-Ulrich Gumbrecht) während der Partie zu beschreiben, anderseits aber die Wirkung und Bedeutung des Fußballs über diese Unmittelbarkeit hinaus zu beleuchten. 

Diese Form der Zeitlichkeit wird außerhalb des Stadions z.B. erkennbar im Blick auf die Formen der Berichterstattung, die von der Unmittelbarkeit der live-Übertragung in Fernsehen, Internet und Radio über die Nachberichte in audiovisuellen und gedruckten Medien bis hin zu vom einzelnen Spiel abgelösten Darstellungen reicht und deren Entwicklung jeweils tiefgreifende Veränderungen im Spiel und seiner soziokulturellen Bedeutung bewirkt. Daran schließen Fragen von Zeitlichkeiten an, die mit Repräsentationen von Körpern, gender und Sexualitäten verbunden sind, wie z.B. im Zusammenhang mit dem Frauenfußball in der portugiesischsprachigen Welt. 

Auch Fankulturen manifestieren sich nicht nur während des Spiels, sondern entfalten davor und danach, in den Zeiten zwischen den Spielen (dies erinnert uns an den berühmten Satz des legendären deutschen Fußballtrainers Sepp Herberger: “Nach dem Spiel ist vor dem Spiel”), ihre Aktivitäten und Wirkungen. Vergangene Spiele werden aufgearbeitet, anstehende Spiele werden diskutiert, Choreographien und Aktionen werden vorbereitet, gesellschaftliches Leben und politisches Engagement werden umgesetzt.

Der zeitliche Rhythmus von einem oder vier Jahren bestimmt nicht nur den Kalender der nationalen und internationalen Wettbewerbe, sondern strukturiert damit auch die Erinnerung(sarbeit) von Zuschauern, Fans, Medien und Wissenschaft. Und beim Blick auf die „Zeiten und Zeitlichkeit(en)“ des Fußballs gerät der entscheidende Konflikt um den „modernen Fußball“ im Sinne eines vollkommen durchrationalisierten Geschäftsmodells und der idealistischen Vorstellung eines ursprünglichen und „authentischen“ Fußballs in den Fokus. Den so genannten „Retortenclubs“ wird von Anhängern der „Traditionsvereine“ das Fehlen einer eigenen und substanziellen Geschichte abgesprochen. Überhaupt lebt die Faszination des Fußballs sehr stark von der Erinnerung und Erzählung der Triumphe, Niederlagen und besonderen Ereignisse der Vergangenheit. Und auch in der Gegenwart liegen zwischen dem internationalen Spitzenfußball und seinen regionalen oder lokalen Dimensionen anscheinend nicht nur Welten, sondern sie finden auch in unterschiedlichen Zeiten statt – insbesondere die portugiesischsprachige Welt umfasst diese verschiedenen Zeitlichkeiten, die das Erbe des Kolonialismus sichtbar machen und gleichzeitig die Auswirkungen der Globalisierung widerspiegeln. 

Das Bild der „90 Minuten“ verpflichtet natürlich auch zum Blick auf den Platz. Während eines Spiels können die Mannschaften „Zeit schinden“ oder „gegen die Uhr spielen“, überhaupt kann sich die Zeitdimension durch das Spielgeschehen grundlegend ändern, können die mythischen „90 Minuten“ je nach Perspektive nahezu unendlich schrumpfen oder sich ausdehnen, und das sogar gleichzeitig. Innerhalb der 90 Minuten Spieldauer kann der Fußball auch mehrere Zeitschichten in sich vereinen, die des reinen Spielverlaufs, die der Erinnerung an vergangene Spiele, die des individuellen und kollektiven Erlebens der Zuschauer, die der Wirklichkeit außerhalb des Platzes und des Stadions, die kondensierte Zeit der Geschichte, die in der einzelnen Partie konkretisiert wird (etwa bei Derbys und Traditionsduellen) oder auch die zukünftige Erinnerung an dieses Erleben.

Dies sind einige Beispiele für Manifestationen der spezifischen und vielschichtigen Zeitlichkeit(en) des Fußballs, deren Analyse und Interpretation Einblicke in die gesellschaftliche und kulturelle Dimension des „runden Leders“ ermöglichen. Denn ohne sie wären die vielfältigen Erzählungen des Fußballs nicht möglich, die aus Wahrnehmungen, Projektionen und Erinnerungen des Spiels seine Geschichte(n) weben und denen wir uns in dieser Sektion widmen wollen. Willkommen sind Beiträge aus den verschiedensten Wissenschaftsbereichen – u.a. Literatur- und Sprachwissenschaft, Kunst, Kommunikation und Medien, Sportwissenschaften, Anthropologie und Soziologie – zu den unterschiedlichsten Repräsentationsformen der Zeiten und Zeitlichkeit(en) im Fußball der portugiesischsprachigen Welt, von Formen der Fankultur, Erinnerungsarbeit, unterschiedlichen Mediendiskursen bis hin zu den Transformationen des Spiels und der zeitlichen Dimensionen von Körper, gender und Sexualität.

Sektionssprachen sind Portugiesisch und Deutsch.