Literaturwissenschaften

1. Amazonien (un)limitiert: Reminiszenzen, Perzeptionen, Projektionen in Texten des 21. Jahrhunderts

– Eduardo Jorge de Oliveira, Pauline Bachmann, André Masseno, Dayron Carillo-Morell –
Kontakt:
eduardo.jorge@rom.uzh.ch / pauline.bachmann@uzh.ch /
andre.masseno@rom.uzh.ch dcarrillo.morell@rom.uzh.ch

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In der post-globalen Welt transformieren diverse Faktoren den geographischen Raum des Amazonas in einen Ort, an dem sich Spannungen zwischen den Interessen des Finanzkapitals, nationale, entwicklungspolitische Agenden zur Ausweitung der Agrarproduktion, und der Rohstoffgewinnung einerseits, sowie der wachsenden Bedrohung der Menschheit durch den Klimawandel, der Verteidigung der biologischen Vielfalt, der Rechte und Autonomie der indigenen und bäuerlichen Gebiete andererseits, in gewalttätigen Auseinandersetzungen materialisieren. Aus der Perspektive der Ästhetik, der kritisch-literarischen Theorie und der Kulturgeschichte konzentriert sich dieses Panel auf die Temporalitäten des Amazonasgebiets und beschäftigt sich mit den Reminiszenzen, Perzeptionen und Projektionen dieser Spannungen in künstlerischen und literarischen Werken. In Bezug auf die Reminiszenzen einer textuellen und visuellen Geschichte zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert wurde Amazonien stets als ein Raum unkontrollierbarer und überbordender, wilder Natur dargestellt; als ein liminales Territorium der sogenannten Zivilisation (Euclides da Cunha, Margem da História, 1909) und des Gesetzes (Finazzi-Agrò, 2015), in dem Gastlichkeit und Feindseligkeit ohne Widerspruch koexistierten. In Bezug auf Perzeptionen und Projektionen wurden Amazonien und die Tropen schon sehr früh zum zentralen Locus europäischer Imaginationen ihres Anderen. Jener Ort fungierte jedoch gleichzeitig als Vorstellung eines irdischen Paradieses voller Fülle und Fruchtbarkeit und als Materialisierung der Hölle mit unzähligen Tropenkrankheiten, gefährlichen Wildtieren und der europäischen Idee klimabedingter Degeneration des Intellekts (Ette 2015: 148) –– kurz als ein grünes Inferno (Alberto Rangel, 1908), das bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem Beginn der Militärdiktatur in Brasilien (1964 - 1989) andauerte. Darüber hinaus oszillieren die Vorstellungen vom indigenen Leben zwischen Entsetzen – wie dem von Hans Staden illustrierten tribalen Kannibalismus – und Idealisierung, die in der Konzeption des „edlen Wilden“ und des brasilianischen romantischen Indigenismus zum Ausdruck kommt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Bild der Ureinwohner in Oswald de Andrades „Manifesto Antropófago“ (1928) für die Konstruktion einer nationalen Identität verwendet. Das Konzept der Oswald‘schen Anthropophagie wurde in den 1970er Jahren in eine postkoloniale Kulturstrategie avant la lettre verwandelt, die die Fähigkeit beschreibt, fremde kulturelle Elemente zu absorbieren und in etwas Neues umzuwandeln, das schließlich Bestandteil der brasilianischen Kultur wird. Solcherlei Darstellungen sind jedoch noch immer ein Konstrukt, um die tatsächliche Natur Amazoniens zu imaginieren (Métraux, 1928; Sá, 2004). Die Art und Weise, wie Amazonien gedacht wird, basiert auf einer bestimmten Kultur der sozialen Kontrolle des Imaginären (Costa Lima, 1989), der Natur und ihrer Beziehung zur Literatur. An der Schwelle des 21. Jahrhunderts fordert eine Reihe von Texten, die indigene Stimmen repräsentieren, eine Autoimagination des Waldes und seiner Lebensformen ein und hinterfragt die Konzeptionen von Amazonien, die diesem Raum eine exzentrische Perspektive zuschreiben. Texte wie La Chute du Ciel (2010) von Davi Kopenawa und Bruce Albert, Ideias para adiar o fim do mundo (2019), O amanhã não está à venda (2020) und A vida é inútil (2020), von Ailton Krenak, hinterfragen die Konzeption des Menschen, die in Opposition zur Flora und Fauna und zur Natur allgemein errichtet wurde und die in den Beschreibungen des Anthropozäns und in dem, was Álvaro Faleiros die „schamanische Übersetzung“ nannte (2020), widerhallt. In diesem Sinne hat das Panel zum Ziel, diese neuen und sich verändernden Perspektiven auf Amazonien zu diskutieren. Es untersucht die zentrale Rolle, die Texte (gedruckt und nicht gedruckt) und Bilder bei der imaginierten Konstruktion Amazoniens als realen und bewohnten Raum spielen, in dem gleichzeitig Konzepte des kosmischen und kommunitären Zusammenlebens entstehen. 


2. Historische Zäsuren und literarische Reaktionen
– Alexander Altevoigt, Tobias Brandenberger –
Kontakt:
alexander.altevoigt@uni-goettingen.de / tobias.brandenberger@phil.uni-goettingen.de

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Von Zäsur ist schnell die Rede, wenn im politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder kulturellen Verlauf der Geschichte bestimmte Ereignisse ein Innehalten oder eine Kehrtwende verursachen. Häufig werden solche Momente als Krise verstanden, die radikale Veränderungen mit sich bringt und das historische Kontinuum unterbricht. Eine solch vereinfachte Sicht auf das Phänomen wird den komplexen Dynamiken von Zäsuren und Kontinuitäten jedoch nicht gerecht. Es gilt nämlich, zwischen gesellschaftlichen und individuell-biografischen Zäsuren zu unterscheiden. Auch wenn historische Ereignisse, die von der Allgemeinheit als besonders bedeutend und einschneidend wahrgenommen werden, oftmals das Privatleben der Menschen verändern, heißt dies nicht zwangsläufig, dass sie auch einen Bruch in persönlichen Biografien bedeuten. Dass Geschichte und die Zäsurhaftigkeit von Ereignissen ohnehin Konstrukte menschlichen Denkens sind, schwingt bei alldem mit.
Wenn sich Historiker*innen der Geschichtsschreibung und damit der – vermeintlich – objektiv-deskriptiven Rekonstruktion des Geschehenen widmen, impliziert dies zumeist einen Rückgriff auf das Konzept der Kontinuität und Zäsur, da der Zeitstrom anhand von konkreten Ereignissen gegliedert wird. In dieser Sektion soll es aber darum gehen, in literarischen Texten die subjektiv-emotionale Annäherung an historische Kontinuität und Zäsuren offenzulegen und die ästhetische Verarbeitung von markanten Ereignissen zu analysieren. Ausdrücken kann sich diese Verarbeitung in der Thematisierung konkreter historischer Momente in Texten oder durch veränderte ästhetische Modelle oder Diskurse, die sich in der Literatur (auch) unterschwellig bemerkbar machen, mit Traditionen brechen oder sich in eine Kontinuität einschreiben. Die portugiesischsprachigen Literaturen bieten ein breites Panorama an literarischen Reaktionen auf bedeutende Momente: man denke an die Verarbeitung(en) der portugiesischen Nelkenrevolution, des Erdbebens von Lissabon, des Verlusts der portugiesischen Unabhängigkeit im Zuge der Schlacht von Alcácer-Quibir, der Verlegung des Königshofes nach Brasilien im Jahr 1808, des mosambikanischen Bürgerkriegs oder des Massakers von Batepá auf São Tomé. Momente wie die Semana da Arte Moderna in São Paulo sind wiederum (kulturelle) Zäsuren, die als solche verstanden und intendiert sind und rückblickend als Markierung der Kulturgeschichte gelten.


Die Sektion bietet demnach Gelegenheit, verschiedene Themen rund um „Zäsur(en) in portugiesischsprachigen Literaturen“ einzubringen:
• Wie und wann reagiert Literatur auf historische Umbrüche und Zäsuren?
• Inwiefern können literarische Texte selbst Teil von Zäsuren sein?
• Auf welche Weise verhandeln literarische Texte das Verhältnis von Kontinuität und Zäsur?
• Welche Sprache, Symbole, Bilder und Textsorten werden bevorzugt verwendet, wenn von Zäsuren die Rede ist?
• In welchem Verhältnis stehen gesellschaftlich-historische und individuell-biografische Zäsuren zueinander?

 

Wir laden alle Interessierten herzlich ein, bis zum 31.05.2021 auf Deutsch oder Portugiesisch ein Abstract (max. 300 Wörter) für einen Vortrag (20 min.) und dazu eine bio-bibliographische Notiz an die beiden Sektionsleiter zu senden: Alexander Altevoigt (alexander.altevoigt@uni-goettingen.de) & Tobias Brandenberger (tbrande@gwdg.de)


3. Geschichte, Erinnerungsliteratur und fiktionale Erzählung in den Künsten der Zeit (narrative Texte, Theater, Film) in der portugiesischsprachigen Kultur
– Rosa Maria Sequeira, Axel Schönberger –
Kontakt:
Rosa.Sequeira@uab.pt / schoenberger@uni-bremen.de

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Die Beiträge dieses Abschnitts thematisieren die Art und Weise, wie das Imaginäre der Vergangenheit an der Konstruktion und Kritik der Gegenwart in und durch sogenannte Künste der damaligen Zeit wie Literatur, Theater und Film in der portugiesischsprachigen Kultur teilnimmt. Die menschliche Zeit ist eine erzählte Zeit, und in jeder dieser Künste ist sie eine strukturelle Kategorie (Barthes).

Die zeitliche Dimension umfaßt phänomenologische, hermeneutische und anthropologische Aspekte, deren Inhalte sich der objektiven Zeit entziehen. In der Erzählung, so Paul Ricoeur, wird die Bedeutung der diskontinuierlichen Zeit durch die Wahrnehmung der Existenz in einer sozialen und psychischen Zeitlichkeit ersetzt. Das Zeitbewußtsein, die besonderen «Raum-Zeiten» bieten sich für eine Analyse der Art und Weise an, wie die ästhetische Behandlung Frakturen in der zeitlichen Kontinuität herstellt. Historische Zeit und der fiktive Modus überschneiden sich in der Narrativik, die Spuren der Dauerhaftigkeit und des Wandels hervorbringt. Es sollen Schnittstellen herausgearbeitet werden, die auf die Möglichkeiten verweisen, sowohl die Vergangenheit als auch die möglichen oder alternativen ‘Zukünfte’ zu überdenken und die Weisen zu analysieren, in denen das Erzählen im Rahmen dieser Künste eine von der Zeit getrennte Ordnung auferlegt. Daher steht diese Sektion sowohl für Beiträge, die eine solche Beziehung herstellen, als auch für interdisziplinäre Perspektiven offen, die Narrativität aus einer ‘interartistischen’ Perspektive untersuchen und sowohl die Gegenwart der Zeit in der individuellen Erfahrung sowie der Erinnerung als auch die Gegenwart der kollektiven Zeit behandeln, einer Geschichte, die, wie Homi K. Bhabha argumentiert, sowohl zu den Erzählungen über die Vergangenheit als auch zu den Subjekten gehört, die in der Gegenwart erzählen.

Die Veröffentlichung der Sektionsakten ist vorgesehen.


4. Narratividade e temporalidade: a questão temporal nas narrativas literárias em língua portuguesa
– Gabriella Campos Mendes –
Kontakt:
gabriellamendes@yahoo.com.br  

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Die Konzepte von Zeit und Narrativität sind untrennbar miteinander verbunden durch die Zirkularität, die sie zusammenführt: “o tempo torna-se tempo humano na medida em que está articulado de modo narrativo; em compensação, a narrativa é significativa na medida em que esboça os traços da experiência temporal.” (Ricoeur 1994, 15). Die menschliche Erfahrung, ihrerseits durch die Kunst der Sprache zur textuellen Konstruktion geworden, findet in der Prosa eine ihrer natürlichsten Manifestationen, der eine Dynamik der Narrativierung eingeflößt und zuerkannt wird (Fludernik 1996, 313). 

Die Anerkennung der Prosa als Gegenstand der Kunst und einer institutionellen Anerkennung würdig – insbesondere seit dem 18. Jahrhundert – zeigt jedoch die Formbarkeit und Komplexität des Narrationskonzeptes selbst, speziell durch den literarischen Erfindungsreichtum, der es den extremsten narrativen Situationen unterwirft (Richardson 2006). Die Literatur erfragt die Hypothese der Natürlichkeit der narrativen Form, relativiert ihre Fähigkeit, die menschliche Erfahrung innerhalb einer zeitlichen Logik zu organisieren und problematisiert folglich die eigentliche Existenz einer temporalen Logik (Heinze 2013, 33).

So fragen wir: Beeinflusst die Dekonstruktion der traditionellsten literarischen Narrative – am Beispiel der modernen, der postmodernen und der Gegenwartsliteratur – die Wahrnehmung des Lesers bezüglich der Zeit? Können kulturelle und/oder generationale Marker, wie das Fehlen eines Zukunftsprojektes mit dem Sterben der narrativen Funktion - im Sinne von Lyotard (2003, 12) - und des teleologischen Schreibens verbunden sein? Oder sind diese literarischen Artefakte – entsprechend einer eher historizistischen Betrachtung – eine materielle Manifestation einer neuen Wahrnehmung von Temporalität?

Wir beabsichtigen in dieser Sektion, die verschiedenen Interpretationshypothesen von Narrativität – wie sie Reis (2018, 330) vermittelt – und den Prozess ihrer Neukonzipierung in literarischen Texten portugiesischer Sprache zu diskutieren und dabei die unterschiedlichen Verständnismöglichkeiten des Zeitkonzeptes herauszuheben, die mit der narrativen Dynamik verbunden sind.


Die Sektion wird ausschließlich in portugiesischer Sprache durchgeführt.

5. Temporalitäten des Naturalismus in Brasilien: Breite Gegenwart und Wiederkehr einer literarischen Ästhetik
– Sarah Burnautzki, Marianne Peregrino –
Kontakt:
sarah.burnautzki@rose.uni-heidelberg.de

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Die Entstehung des Naturalismus in Brasilien ist eng mit der Suche nach einem Projekt der Nation verbunden. Nach der Abschaffung der Monarchie und der Sklaverei gilt es, eine neue brasilianische Nationalidentität zu definieren und vor allem eine glanzvollere Zukunft für ein Land zu imaginieren und sodann politisch zu konstruieren, das innerhalb einer ungleichen Weltordnung von mächtigeren Ländern ökonomisch beherrscht wird. Der Literatur und insbesondere dem Naturalismus kommt in diesem Prozess der Imagination der Nation eine zentrale Rolle zu (B. Anderson, 1998).

Inspiriert vom europäischen Naturalismus und wissenschaftlichen Diskursen wie Positivismus, Sozialdarwinismus und Evolutionismus diskutieren brasilianische Intellektuelle der (weder als einheitliche noch homogene Gruppe zu verstehenden) “Generation 1870” diese Konzepte kontrovers, untersuchen ihre Anwendbarkeit auf den brasilianischen Kontext und denken über die Möglichkeit nach, dem Studium der Literatur eine objektive Grundlage zu geben (R. Ventura, 1991). So erklärt beispielsweise Araripe Júnior die tropische Umgebung Brasiliens zu einer kreativen Quelle für neue Themen und literarische Formen, um so einen genuin brasilianischen nationalen Literaturstil zu begründen. 

Im Kontext der Diskussionen der gesellschaftlichen Elite werden jedoch nicht nur literarische Themen diskutiert, sondern es werden auch Zukunftsprojektionen entworfen, die das Projekt des “branqueamento” (L. Schwarcz, 1993; Th. Skidmore, 1976) zum Gegenstand haben, d.h. die Frage, wie sich Brasilien zukünftig zu einer ‘weißen’ Nation entwickeln könne.

Während der Naturalismus am Ende des 19. Jahrhunderts zur vorherrschenden literarischen Strömung avanciert, kehrt er im 20. Jahrhundert auf verschiedene Weise wieder, beladen mit anderen Implikationen und politischen Projekten. In diesem Sinne identifiziert die Literaturwissenschaftlerin Flora Süssekind drei Momente des brasilianischen Naturalismus: das 19. Jahrhundert – der wissenschaftliche Naturalismus, der mit dem Positivismus verbunden war und zu einem ästhetischen und ideologischen Instrument der nationalen Identitätsbildung wurde; die 1930er Jahre – der wirtschaftliche Naturalismus, der unter dem Einfluss des sowjetischen Realismus die Produktion des Regionalismus prägte; und die 1970er Jahre – der journalistische Naturalismus, der einen Teil der nationalen Literatur während des Militärregimes prägte (Süssekind 1984). 

Andere Literaturkritiker weisen auf eine neue Phase der naturalistischen Ästhetik in der brasilianischen Literatur der Gegenwart hin. In der vierten Wiederkehr des Naturalismus stechen Werke wie Cidade de Deus von Paulo Lins, Capão Redondo von Ferréz und viele andere hervor, die hauptsächlich von marginalisierten Akteuren aus den Territorien der Peripherie produziert werden (H. Buarque de Hollanda 2014, B. Resende 2008 und K. E. Schøllammer 2013).

Daraus lässt sich ableiten, dass sich die naturalistische Ästhetik in das vom 14. Deutschen Lusitanistenkongress vorgeschlagene Konzept einer breiten Gegenwart einschreiben lässt. Die thematische Sektion „Temporalitäten des Naturalismus in Brasilien: Breite Gegenwart und Wiederkehr einer literarischen Ästhetik“ nimmt sich vor, die Formen des Naturalismus in der brasilianischen Literatur vom 19. Jahrhundert bis heute zu identifizieren und zu diskutieren und zielt auch darauf ab, den historischen Kontext und die Bedingungen zu analysieren, die die wiederkehrende Präsenz sowie die Resignifizierungen der Naturalismen im Laufe der Zeit ermöglichen. Wir werden uns mit den folgenden Fragen befassen:

Wie artikulieren sich Literatur und wissenschaftliche Diskurse im 19. und 20. Jahrhundert? Welche Visionen der Gegenwart und Projektionen der Zukunft sind diesem ersten Naturalismus eingeschrieben? Wie positioniert sich der Naturalismus im Verhältnis zu den politischen Projekten der brasilianischen Elite des 19. Jahrhunderts? Dient der Naturalismus als Instrument der Aufrechterhaltung und Regulierung der sozialen und hierarchischen Struktur jener Zeit? Und kann man behaupten, dass die von der brasilianischen Elite des 19. Jahrhunderts erdachte Nation den Naturalismus in seinen verschiedenen Phasen beeinflusst hat? Wie lassen sich in den folgenden Jahrzehnten neue Naturalismen identifizieren? Wie wiederholen oder erneuern sich naturalistische Ästhetiken und welche neuen politischen Implikationen ergeben sich aus ihrer Wiederkehr? Welche simultanen und multiplen Zeitlichkeiten können wir bei der Rückkehr und den Kontinuitäten des Naturalismus in der zeitgenössischen brasilianischen Literatur beobachten? Auch Beiträge, die die “Akklimatisierung” des Naturalismus in Brasilien und die Beziehungen zwischen Realismus und Naturalismus untersuchen, sind in unserer Sektion willkommen.

6. Passados e futuros presentes no Brasil: relações entre tempo e violência na literatura e no cinema
– Jaime Ginzburg, Joachim Michael –
Kontakt:
ginzburg@usp.br / joachim.michael@uni-bielefeld.de

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Die Geschichte von Poncía Vicencio, im gleichnamigen Roman (2003) von Conceição Evaristo, handelt von einem "alten Leiden", das, wie die Erzählung zeigt, mit den Erfahrungen des Großvaters der Figur, der Sklave gewesen war, verbunden ist. Dieser Schmerz artikuliert sich in den Lebensläufen der Nachkommen von Sklaven, die, obwohl formell frei, sich nicht von einem "Joch" befreien können, das sich als "ewig" erweist.  Obwohl sie zeitlich und räumlich von den Situationen, die ihr Großvater erlebte, entfernt ist, kann die Protagonistin den Schmerz nicht überwinden. Phantasmagorische Bilder suchen sie heim und verhindern, dass sie vergisst, wie die Sklaverei das Leben früherer Generationen zerstörte. Gequält, wird ihre eigene Subjektivität durch eine Abwesenheit erschüttert, die Fremdheit in ihren Beziehungen zu anderen und zu sich selbst erzeugt. In diesem Sinne stellt Poncía Vicencio den Fall eines transgenerationellen Traumas dar, mit einem Leiden, das mehrere Generationen der Familien prägt. In metonymischer Form konstituiert der Roman so Bilder von der Geschichte Brasiliens als einer traumatischen Geschichte, in der die Vergangenheit der Sklaverei nicht ausgelöscht ist und sich mit der Gegenwart überlagert. Da die Sklaverei, die vor mehr als einem Jahrhundert in Brasilien abgeschafft wurde, in jüngerer Zeit, in der die Bürgerrechte durch Verfassungsgesetze garantiert sind, Existenzen zu zerstören scheint, ist es wichtig festzustellen, dass unter bestimmten Umständen, wie sie im Roman von Conçeição Evaristo konturiert werden,  Gewalt und Zeit sich in spezifischer Form zueinander verhalten:  die sukzessive Ordnung der Zeit wird außer Kraft gesetzt, und die Verwüstung stellt eine Kontinuität her, die sich von den historischen Umständen der gewaltvollen Ereignisse ablöst und in die nachfolgende Zeit reicht.

Ein weiteres Bespiel ist der Roman K. oder die verschwundene Tochter (2011) von Bernardo Kucinski.  Das Buch stellt zwei Schicksale vor: das einer Frau, A., die während der Militärdiktatur (1964-1985) durch die Gruppe des Abgeordneten Fleury zu einer desaparecida gemacht wurde, und das ihres Vaters K. , der unermüdlich nach seiner Tochter sucht. Die Hindernisse bei der Klärung des Verschwindens von A. verursachen in K.s Leben ständiges Leid, Jahre voller Qualen. Die Idee, dass sich in diesem Fall die Gewalt über die Zeit erstreckt, auch noch Jahrzehnte nach den Akten der Aggression, wird durch die Erzählung verstärkt, die zeigt, dass auch das Leben des Erzählers, des Bruders von A.,, in der Gegenwart, in der er die Geschichte erzählt (im Jahr 2010), betroffen ist.

Beide Texte stellen langfristige Prozesse dar, die durch intensive Gewalt in der Geschichte Brasilien gekennzeichnet sind—die Sklaverei bei Evaristo, die Militärdiktatur bei Kucinski. In beiden Werken werden die Protagonisten durch gewaltvolle Episoden aus der Vergangenheit gequält. Die Erzählungen beschränken sich nicht auf die Ausstellung individueller Traumata; beide legen offen, dass soziale Strukturen die Gewalt der Vergangenheit in der Gegenwart reproduzieren. In dieser Perspektive behandeln Gruppen der ökonomischen Elite Brasiliens in der jüngeren Geschichte des Landes die Nachkommen der Sklaven auf unmenschliche Weise, die an die Leibeigenschaft im System der Sklaverei erinnert, und Gruppen der politischen Elite üben autoritäre Praktiken aus, die auf die Unterdrückung durch die Militärdiktatur zurückgehen, einschließlich einer Beständigkeit, das Leid der Angehörigen der desaparecidos nicht zu respektieren.

Die Zukunftsbilder des Landes beinhalten in einigen neueren Werken der Literatur und des Films dystopische Konstruktionen, in denen die vom Staat provozierte oder legitimierte Gewalt den Horizont der sozialen Beziehungen bildet. Bacurau, ein Film von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles und A nova ordem, ein Buch von Bernardo Kucinski, sind wichtige Beispiele für ästhetische Produktionen, die Reflexionen über Hypothesen zur Zukunft des Landes hervorrufen. Im Film ist der Mangel an Trinkwasser ein Hinweis auf die Schwierigkeiten des Überlebens in einer Gemeinschaft.  Die Vernichtung der Intellektuellen im ersten Teil des Buches antizipiert die extreme Repression des Staates, wie sie während der gesamten Erzählung im Einzelnen dargelegt wird. Diese Bilder der Zukunft sind gleichzeitig Rückblicke auf die brasilianische Vergangenheit, und im Fall von A nova ordem besteht die Zukunft gleichzeitig aus einer Kontinuität der Praktiken der Militärdiktatur und einer Rückbesinnung auf das Erscheinungsjahr des Buches, 2019, wie eine Projektion der Zukunft auf die Gegenwart. 

Diese Überlegungen zu Konfigurationen der historischen Zeit bezeichnen dem Fokus dieser Sektion. Erinnerung, Trauma und Zeugnis sind konstitutive Elemente von Erzählungen, die die Auswirkungen vergangener historischer Katastrophen, zwischen Genoziden und Foltersystemen, zum Ausdruck zu bringen suchen. Die Form der Dystopie bildet einen Reflexionshorizont über die Zukunft, durch kritische Bewertungen der Vergangenheit. Literatur und Film, gemäß der vorgeschlagenen Hypothese, bieten Artikulationen zwischen zeitlichen Kategorien, die Elemente wie die kausale Linearität und übliche Maße der Zeitdauer zugunsten diskontinuierlicher Artikulationen von Zeit unterlaufen. 

Die Sektion findet ausschließlich auf Portugiesisch statt.

7. Das Fortbestehen des kolonialen Imaginären und des Autoritarismus in der Gegenwart
– Silvio Renato Jorge, Roberta Guimarães, Franco Faria de Assis, Daniel Marinho Laks –
Kontakt:
robertagf@uol.com.br  / daniellaks@yahoo.com

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Der Einfluss der gegenwärtigen Vergangenheit als konstituierendes Element der heutigen Zeit ist ein Symptom des historischen Selbstbewusstseins unserer Zeit, auf das verschiedene AutorInnen hinweisen, angefangen bei VertreterInnen des Postmodernismus und des Postkolonialismus bis hin zu VertreterInnen der Dynamischen Erinnerung.

Andreas Huyssen (2000) postuliert in Seduzidos pela Memória: Arquitetura, Monumentos, Mídia, dass die Manifestierung des Gedächtnisses als charakteristisches kulturelles und politisches Anliegen heutiger westlicher Gesellschaften im Kontrast zur Präferenz für das Zukünftige steht, welche für die Anfangsjahrzehnte der Moderne des 20. Jahrhunderts gültig war. Stuart Hall (2003) vertritt in When was the Postcolonial? Thinking at the Limit die These, dass das Suffix “post” in postkolonial keine Überwindung, keinen kompletten Bruch mit dem Kolonialismus anzeigt, sondern vielmehr eine Kontinuität, ein notorisches Fortbestehen der Folgen der Kolonisierung und der Probleme der Dekonstruktion der festgefügten Bilder, die diese hinterlassen hat. Linda Hutcheon (1991) ihrerseits korreliert in A Poetics of Postmodernism die Widersprüche des Postmodernismus mit denen der aktuellen kapitalistisch beherrschten Gesellschaft und sieht die Gemeinsamkeit beider Situationen im Konzept der Gegenwärtigkeit der Vergangenheit (presence of the past). Trotz des unterschiedlichen Ansatzes der verschiedenen Untersuchungsfelder stimmen alle darin überein, die Vergangenheit als Ausstrahlungspunkt für kulturelle und politische Dynamiken in der heutigen Zeit zu verorten.

Im besonderen Fall portugiesischsprachiger Länder wie Portugal, Angola und Mosambik, in denen der Bezug auf die Vergangenheit ohnehin eine Konstante der Geschichte ihrer Literaturen darstellt, ist dieser Bezug in zeitgenössischen Texten deutlich geprägt durch einen Imaginationskomplex, der sich entlang des 20. Jahrhunderts situiert. Die Bilder sind gespeist durch den portugiesischen Estado Novo - als Rechtfertigung für die Aufrechterhaltung eines überholten und dekadenten Imperiums und der daraus folgenden Unterjochung der kolonisierten Völker - und erscheinen in der zeitgenössischen Literatur als Symptom einer sich in die Gegenwart projizierenden Vergangenheit, die ständig wiederkehrt. Die Bewältigung dieser Bilder scheint eine Dauergröße in der jüngeren literarischen Produktion der genannten Länder zu sein, wobei das Ziel darin besteht, den ehemals von ihnen eingeschlagenen historischen Weg zu problematisieren und eine kritische Wahrnehmung der Gegenwart vorzuschlagen – mit den Unterschieden, die jeden der sozio-kulturellen Räume in seiner Spezifizität konstituieren.

In Brasilien seinerseits kommt es nach der Veröffentlichung der Brasilianischen Wahrheitskommission am 10. Dezember 2014 zu einem explosionsartigen Erscheinen von Titeln, welche die durch die Militärdiktatur in der Gesellschaft hinterlassenen Spuren der Gewalt und Unterdrückung behandeln. Im Zentrum stehen Themen wie das politische Verschwinden von Personen in dieser Zeit sowie die durch das autoritäre Regime auferlegte Verstummung der Bevölkerung. Diese Themen gewinnen besonders an Relevanz angesichts des Wiederauflebens des autoritären Diskurses der politischen Instanzen im Land.

Ausgehend von den umrissenen Fragestellungen bitten wir um Beiträge, die sich - im Kontext der Literaturen in portugiesischer Sprache - mit Werken beschäftigen, welche das durch gewaltgeprägte Prozesse und/oder das Aufzwingen entfremdender Kulturformen verursachte Trauma behandeln. Dazu gehören Rassismus und Diskriminierung, insbesondere im Zusammenhang mit dem Rückfluss von Menschen aus den Kolonialgebieten in die ehemalige Metropole, wo sie in der Diaspora Ausgrenzungsprozesse erlebten, oder auch im spezifisch brasilianischen Zusammenhang, wo diese Prozesse in den entfremdenden Strukturen der Beschaffenheit des sozialen Umfeldes verliefen. Dazu gehört die in ehemals kolonisierten Gesellschaften vorzufindende Persistenz von Sozialmodellen, die den Traditionen der Ursprungsbevölkerung entgegenstehen. Dazu gehören schließlich auch Mechanismen des Widerstands gegen die Auslöschung, die durch die Herrschaft der autoritären Regimes auferlegt wurde.

8. Die Lebensuhr tickt: Schwangerschaft, Krankheit und Alter(n) als Zeit-Zeichen des Körpers
– Janek Scholz, Jasmin Wrobel –
Kontakt:
janek.scholz@uni-koeln.de / jasmin.wrobel@fu-berlin.de

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Zeitlichkeit und Endlichkeit sind dem Körper in Form des physischen Alterungsprozesses sowie in Form von Krankheitsverläufen eingeschrieben. Mit jedem Ticken der Lebensuhr bewegen wir uns auf unser Ende zu. Während im Zeitalter der Selbstoptimierung alles versucht wird, dem natürlichen Alterungsprozess entgegenzuwirken und ein ‹Stehenbleiben› oder eine ‹Rückkehr› zu einem früheren körperlichen Selbst zu erzwingen, erhöhen degenerierende Krankheiten die Geschwindigkeit, mit der wir der eigenen Sterblichkeit begegnen müssen. Tritt die eigene Endlichkeit einem Menschen bewusst vor Augen, ergeben sich unterschiedliche Dialoge und Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit. Erlebtes und Nichterlebtes, Gesagtes und Ungesagtes dringen verstärkt in das Bewusstsein; frühe Kindheitserinnerungen oder ‹Schlüsselmomente› des eigenen Lebens verdrängen kürzer Zurückliegendes und erschweren somit das bewusste Erleben der Gegenwart. Dies betrifft sowohl positive als auch traumatische Erlebnisse: Gedächtnis und Erinnerung können gleichermaßen zu Zufluchtsorten und Gefängnissen werden. Zeit kann aber auch als heilend verstanden werden, wenn das gegenwärtige Ich zu seinem vergangenen Ich, das traumatischen Erlebnissen oder schmerzvollen Verlusten ausgesetzt war, in eine objektive Distanz treten kann.

Zeitlichkeit ist überdies dem weiblichen Körper – für die Außenwelt sichtbar – auch durch Schwangerschaft eingeschrieben, wobei der ‹geteilte Körper› vom Beginn an der Bewertung durch unterschiedliche soziale Gruppen ausgesetzt ist. Einerseits lösen die körperlichen Veränderungen, das Wachstum des corpo-cronômetro, aber auch andere Begleiterscheinungen von Schwangerschaft, eine zumeist veränderte Selbst- und Fremdwahrnehmung aus. Andererseits steht eine Auseinandersetzung mit (ablaufender) Zeit mitunter bereits ganz am Beginn, zum Beispiel dann, wenn eine Schwangerschaft unerwünscht ist und rasch eine Entscheidung über den eigenen Körper und das eigene Leben getroffen werden muss.

Die ‹Zeit-Zeichen› des Körpers wirken sich, wie hier bereits anklingt, nicht nur auf individueller Ebene aus. Gerade Krankheit und Alterungsprozesse verursachen ein kollektives Unbehagen und werden in westlichen Gesellschaften nicht selten mit einem Schweigen belegt, wodurch Alter und (chronische) Erkrankungen zu Diskriminierungskategorien werden. In einer Gesellschaft, in der Jugend, Produktivität, Aktivität und ‹Funktionstüchtigkeit› überbetont werden, haben Alter(n) und Krankheit, die eine sichtbare Veränderung von Körper (und Geist) hervorrufen, so scheint es, keinen Platz. Zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung werden Zurechnungsfähigkeit, Belastbarkeit und Autonomie von alternden und kranken Menschen infrage gestellt. 

Diesem Schweigen und der räumlichen Ausgrenzung treten die Betroffenen jedoch zunehmend klar entgegen. Über politische (z.B. Demonstrationen), künstlerische (z.B. autofiktionale Texte) und hochindividuelle (z.B. öffentliches Stillen) Manifestationen treten sie in den öffentlichen Raum und machen Zeitlichkeit, Endlichkeit und Neubeginn sichtbar. Die Frage der (körperlichen) Selbstbestimmung und Autonomie schließt auch Entscheidungsmöglichkeiten über das eigene Lebensende mit ein: (assistierter) Suizid und aktive Sterbehilfe als selbstgewählte ‹Aus-Wege› werden international aus verschiedenen Betrachtungsachsen (Religion, Ethik, Politik) unterschiedlich bewertet. 

In Diskussion mit und als Weiterführung von internationalen Untersuchungsperspektiven und -projekten (vgl. z.B. das von der Einstein-Stiftung geförderte Projekt PathoGraphics, FU Berlin)[1] setzt sich die Sektion zum Ziel, den Zusammenhang von Körperlichkeit, Zeitlichkeit und Endlichkeit im lusophonen Raum aus einer literatur-, kultur- und medienwissenschaftlichen sowie intersektionalen Perspektive zu erörtern, wobei die Age Studies, Dis/Ability Studies, Gender und Queer Studies als theoretische Zugriffsachsen dienen sollen. Wie schreibt sich Zeit dem Körper ein? Welche ästhetischen Strategien dienen Autor*innen und Künstler*innen, um zeitlich bedingte körperliche Veränderungen darzustellen? In welches Spannungsverhältnis treten Eigen- und Fremdwahrnehmung des sich verändernden Körpers, auch in Zusammenhang mit sozialen Rollen? Auf welche Weise verändert sich das Zeitempfinden von Schwangeren, Kranken, Alternden? Wie wird Körper)erinnerung inszeniert? Folgende Themenschwerpunkte (u.a.) sollen zur Beantwortung dieser Fragen im Fokus stehen:

·      Prozesse des Alterns, wie sie beispielsweise in Valter Hugo Mães A máquina de fazer espanhóis (2010), Chico Buarques Leite derramado (2009) oder in Marcelo Saravás Comic Aos Cuidados de Rafaela (2014) thematisiert werden. 

·      Die Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Kontext degenerierender Erkrankungen wie Krebs z.B. in Adriana Lisboas Roman Hánoi (2013) oder Fábio Moons und Gabriel Bás Graphic Novel Daytripper (2011), in dem – auf verschiedenen Zeitebenen – unterschiedliche körperliche Todesursachen durchgespielt werden.

·      Der kranke und sterbende Körper, der in die Öffentlichkeit drängt: HIV und Aids als kollektives Memento mori (z.B. Sandra Werneck und Walter Carvalhos Film Cazuza: O tempo não para, 2004; Carolina Jabors Film Boa sorte, 2014, sowie Werke von Silviano Santiago und Caio Fernando Abreu).

·      Extreme physische Veränderungen als Neubeginn: Ein sich durch Übergewicht (wie z.B. in Isabela Figueiredos A Gorda, 2016) oder Schwangerschaft (z.B. Karim Aïnouz‘ A vida invisível, 2019) wandelnder Körper und der daraus resultierende Bruch mit gesellschaftlichen Wachstums- und Produktivitätserwartungen. 

·      Künstlerische Produktionen, die sich mit kognitiven Erkrankungen wie Demenz oder Alzheimer (z.B. Clarice Lispectors Viagem a Petrópolis, 1964) oder psychischen bzw. seelischen Erkrankungen wie der Depression (z.B. Carolina Jabors Boa sorte, 2014) beschäftigen und den Kontrollverlust durch die Krankheit thematisieren und/oder die angewandten Therapien infrage stellen. 

·      Die Planung des eigenen Todes: Suizid als ‹Aus-Weg› (z.B. Antonio Carlos da Fontouras Film Somos tão Jovens, 2013).

·      Medien der Erinnerungen des eigenen Selbst: Tagebücher, Fotografien, Videos

[1] https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/friedrichschlegel/assoziierte_projekte/Pathographics/sl_2_ABOUT/index.html


9. Fiktionsinterne und -externe Modellierungen der Literaturgeschichte im 19. Jahrhundert
–Roger Friedlein, Marcos Machado Nunes, Regina Zilberman –
Kontakt:
roger.friedlein@rub.de / marcos.machadonunes@rub.de

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Auf beiden Seiten des Atlantiks war das lange 19. Jahrhundert der Schauplatz von Transformationsprozessen und Brüchen, die zunehmend größere Personengruppen auf unterschiedlichen Erfahrungsebenen betrafen. Einige dieser Transformationen sollten sich konsolidieren und in die politischen und sozialen Strukturen und die Mentalitäten einschreiben. Andere dagegen blieben nur für begrenzte Personengruppen relevant oder erlebbar, während wieder andere nur angekündigt wurden und nie über den Status der Verheißung hinauskamen. Kultur und Literatur reflektieren in diesem Jahrhundert den Wandel und seine Verheißung, sie fordern für sich eine Hauptrolle in diesem Umfeld von Brüchen und Projektionen und üben diese Rolle auch tatsächlich aus. Sie sollten geprägt sein durch ein starkes Bewusstsein von Geschichte und Zeitlichkeit, und es sich zur Aufgabe machen, Vergangenheit zu erfinden, der instabilen Gegenwart einen Sinn zu verleihen und eine Zukunft für die Gemeinschaft zu entwerfen, in die sie sich eingebunden sehen. Nicht zufällig werden in diesem Jahrhundert beiderseits des Atlantiks die Geschichtsschreibung und Philologie aufblühen. Sie bringen Narrative und Textrepertorien in Umlauf, auf deren Grundlage Identitäten geformt oder gefestigt werden können. 

Dennoch – und dies wird uns insbesondere interessieren – erfinden diese Kultur und Literatur für sich selbst Vergangenheit, modellieren einen Sinn für ihre Gegenwart und entwerfen ihre eigene Zukunft. In der Literatur, die in dieser Sektion im Mittelpunkt steht, äußert sich das Bewusstsein von Zeitlichkeit vor allem in der Konstitution mehrfacher Reflexionsinstanzen im Hinblick auf die literarische Vergangenheit. Die offensichtlichste und systematischste dieser Instanzen ist die Literaturgeschichtsschreibung, wie sie im Laufe des 19. Jahrhunderts entsteht und sich konsolidiert. Daneben prägt die Reflexion über die Vergangenheit auch die öffentliche Debatte über die zeitgenössische Literaturproduktion in der Presse, in Flugschriften oder in Paratexten (man denke an die zahlreichen literarischen Polemiken des 19. Jahrhunderts in Portugal und Brasilien). In diesen Kommunikationsinstanzen, die man als ‚Literaturkritik‘ etikettieren könnte, macht sich das Bewusstsein von Zeitlichkeit präsent in Lektüren, welche die Werke in Hinsicht auf ihr Transformationspotenzial für die Literaturtradition beleuchten, wobei die Erneuerungsansätze unterschiedlichen Werterastern unterliegen. 

Weniger evident erscheinen die Reflexionen über die Vergangenheit und ihr Transformationspotenzial innerhalb der literarischen Texte selbst. Seit der Romantik ist das Geschichtsbewusstsein ein prägender Faktor der Literatur, wie es die Popularität des historischen Romans und Dramas beweist, aber auch die zahlreichen Ansätze zum Verfassen epischer Dichtung sowie in der Lyrik die Zeitlichkeit des individuellen und kollektiven Subjekts (Kindheit, saudade bzw. Mediävalismus, Volksdichtung und Indianismus). Wenngleich literarisches Schreiben immer eine gewisse Kenntnis der Codes und eine Reflexion über sie voraussetzt, stellt sich dennoch die Frage, ob das Geschichtsbewusstsein des 19. Jahrhunderts das Verhältnis literarischer Praxis zur literarischen Vergangenheit verändert hat. Welcher Art sind und in welchem Maße erfolgen diese Veränderungen? Um diese Fragen zu erfassen, wird in einem ersten Schritt zu betrachten sein, wie diese Reflexion den Texten implizit ist und hermeneutisch herausgearbeitet werden kann. Andererseits wird sie nicht selten in Reden über die literarische Vergangenheit innerhalb der literarischen Texte selbst geäußert. Eine weitere, wenig untersuchte Reflexionsinstanz innerhalb der Texte ist die Inszenierung von Diskursen über die literarische Vergangenheit innerhalb der Diegese: von Camões als Dichter und Erzähler bei Garrett zu den Gedichten der Visão dos tempos von Teófilo Braga, über die xácara im zweiten Teil von O guarani, und den Sextilhas de Frei Antão – sie alle inszenieren Konzeptionen der literarischen Vergangenheit. 

Ziel der Sektion wird es daher sein, Funktionen der literarischen Vergangenheit in der Reflexion über Literatur innerhalb und außerhalb des literarischen Textes zu diskutieren. Dabei eröffnet sich ein breites Spektrum von Fragen: In welchem Maße verbinden sich die Diskurse über die Vergangenheit im Allgemeinen mit den spezifischen Diskursen über die Geschichte der Literatur? Wie prägt das, was in der Vergangenheit gesucht wird, die Konzeptionen der Gegenwart und die Zukunftsentwürfe innerhalb der Literatur (Schaffung und Neuordnung der Tradition und des literarischen Feldes) und außerhalb von ihr (kollektive Identität und nation building)? Welcher Platz wird den durch die Literatur evozierten oder konstruierten Gemeinschaften in breiteren historischen Narrativen zugewiesen (Weltgeschichte, Kolonialismus, Zentrum/Peripherie)? Welche Positionen oder Rollen weisen sich die Subjekte dieser Diskurse in den historischen Narrativen zu, die sie konstruieren? Was erweist sich aus einem Vergleich zwischen den Diskursen innerhalb und außerhalb des literarischen Textes? Welche Lektüremöglichkeiten bieten die Vertextungen der Gegenwart (Sittenroman und Sittendrama, Entwürfe der Moderne in der Lyrik und der Epik) im Hinblick auf ihre impliziten oder expliziten Reflexionen über die literarische Vergangenheit? Wie legitimieren oder subvertieren sich innerhalb und außerhalb des literarischen Textes Transformationsversuche, Innovation und ästhetischer Bruch? Worin liegen Funktionen und Potenzial von Abwertung und Parodie der literarischen Vergangenheit?