Medienwissenschaften

10. Die „Dritte Zeit“: Zwischen Erinnerungen und Vorhersagen in portugiesischsprachigen Film- und Literaturtexten
– Esther Gimeno Ugalde, Kathrin Sartingen, Tatjana Wais –
Kontakt:
kathrin.sartingen@univie.ac.at / tatjana.wais@univie.ac.at

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Das 20. Und 21. Jahrhundert sind gezeichnet von gesellschaftlichen Umbrüchen und Diskontinuitäten: totalitäre Regimes, Diktaturen, Kriege, Epidemien und Pandemien, Genozide und Migrationen prägen das (post-)moderne Subjekt. Auch in zeitgenössischen Literaturen und Filmen der portugiesischsprachigen Welt sind sie allgegenwärtig. (z.B. Cunha 2003, Alarcon Vaz et al. 2006. Vieira 2011; Morettin / Napolitano 2018) Literarische Texte und Filme basieren häufig auf den individuellen und kollektiven Erinnerungen, Aufarbeitungen und Neukonstruktionen durch die handelnden Figuren und fungieren so als Speichermedien des kulturellen bzw. kollektiven Gedächtnisses. (vgl. Assmann 2006; Erll / Wodianka 2008; Erll 2011; Erll / Nünning 2010). Durch die Vergegenwärtigung von Vergangenheit leisten Literatur und Film fiktionale Zeit-Arbeit: Sie schlagen eine Brücke zwischen den Zeit-Räumen, machen generationenübergreifende (Familien-) Geschichten sichtbar und tragen so zur „Wahrerhaltung der Erinnerungen“ (Assmann 2006, 247) bei.

Ähnlich verhält sich die Fiktionalisierung von Zukunft: Durch das Vorausdeuten und Vorhersagen von potentiellen Zukunftsverläufen begeben sich die Figuren in narrative Möglichkeitsräume, die ihnen verschiedene Optionen von zukünftigen Handlungen und Ereignissen suggerieren.

Indem mit dem Faktor Voraus-Schau als strukturierendem Element, als Möglichkeit, Utopie oder gar Chronotopos gehandelt wird, werden gegenwärtige Lebensphasen, Traumata und Schwellensituationen, aber auch Träume und Sehnsüchte in ein Wechselspiel der überlappenden Zeitlichkeiten zwischen Gegenwart und Zukunft gebracht.

In dieser Sektion soll analysiert werden, inwiefern Erinnerungen und deren Aufarbeitung ebenso wie Zukunftsvorhersagen und deren Medialisierung im Zuge einer fiktionalen Inszenierung als Katalysatoren für die Konstitution eines „Dritten Zeit-Raumes“ fungieren. Dieser Frage liegt die Annahme zugrunde, dass Erinnerungen und Vorausdeutungen in Literatur und Film einen imaginären Zeit-Raum konstruieren, in dem die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen dem Gewesenen, dem Gegenwärtigen und dem Zukünftigen, fließend sind – die (oft traumatische) Vergangenheit ist unabgeschlossen, wirkt in die Gegenwart, auch in die Zukunft, und eröffnet so neue Bedeutungsmöglichkeiten hinsichtlich der Interdependenz von Raum, Zeit, Erinnerung und Zukunft.

Dabei stellt sich die Frage, wie Literatur und Film diesen „Dritten Zeit-Raum“ inszenieren – mit welchen narrativen, formellen und ästhetischen Verfahren werden „memória“ und „pos-memória“ (Hirsch 2012), Vorhersagen und Zukunftsvisionen konstruiert? Welche Funktionen haben Erinnerungen, Träume, Delirien, aber auch archivierende Intermedien, Rückblenden und Zeitreisen in portugiesischsprachigen Filmen und literarischen Texten? Dieselbe Frage lässt sich bezüglich der Instrumentalisierung und Narrativisierung von Prophezeiungen, Vorhersagen und Vorausdeutungen stellen: Welcher „Zeit-Raum“ entsteht durch den Blick in die Zukunft und was macht dieser mit den gewohnten „Zeitlichkeiten“? Wo stoßen die Vergangenheits- und Zukunftskonstruktionen an ihre Grenzen, wo eröffnen sich Leerstellen und Gedächtnislücken und welche Formen der Zeugenschaft zeichnen sich ab?  Ausgehend von der These, dass Erinnern und Prophezeien dynamische Prozesse sind, die ein ständiges Umcodieren und Übersetzen (Assmann 2006, 124) voraussetzen, soll zudem die Frage nach der Darstellbarkeit und Wahrhaftigkeit von Erinnerungen und Vorhersagungen sowie der Inszenierungsmöglichkeit von Zeit zwischen Erinnern und Vorausdeuten in den portugiesischsprachigen Literatur- und Filmlandschaften diskutiert werden. Die „Dritte Zeit“, in der die Grenzen zwischen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart fließend sind, wirft nicht zuletzt die Frage nach der literarischen und filmischen Inszenierung von Gegenwart und nach Gegenwartskonzepten in Literatur und Film im Allgemeinen auf und stellt somit die klassische Dreiteilung von Zeit infrage.

Erwünscht sind Beiträge, die die vorgeschlagenen Fragestellungen und Ideenlinien – entlang der theoretischen Rahmung der Postkolonialen Studien (z.B. border studies (Santos 2016, Mignolo 2019), memory studies (Erll / Nünning 2010; Erll 2011)) – aus einer literatur-, medien-, und kulturwissenschaftlichen Perspektive in Bezug auf portugiesischsprachige Filme und Literatur beleuchten.