Translatologie

20. Aporias e fluxos do tempo e da tradução 

– Johannes Kretschmer, Maria Aparecida Barbosa, Susana Kampff Lages –
Kontakt:
jk@id.uff.br / aparecidabarbosaheidermann@gmail.com / susanaklages@hotmail.com

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Wir wollen an die Debatte der Sektionsarbeit des vergangenen Kongresses anknüpfen und wählen eine neue Perspektive: 2019 verstanden wir Übersetzung noch unter den Vorgaben einer Phänomenologie des Raumes, die aber schon auf eine ästhetisch in interkulturellen und intersemiotischen Übertragungen eingeschriebene Zeitlichkeit verwies und u.a. den Blick auf Themen wie Exodus, Exil und Erinnerung richtete. Jetzt aber sollen diese phänomenologisch ausgerichteten Überlegungen vertieft und Fragen nach dem Wesen von Zeitlichkeit und ihrer Beziehung zu Theorie und Praxis des Übersetzens gestellt werden.

In diesem Zusammenhang ist die Zeitauffassung des Augustinus von Hippo (354-430) von entscheidender Bedeutung. Sie soll als theoretischer Ausgangspunkt für die Diskussion über zeitliche Konstruktionen als kategoriale (Un-)Möglichkeiten dienen. In den einschlägigen Arbeiten der Forschung wurden die Aporien des im elften Buch der Confessiones formulierten Zeitbegriffs eruiert, doch auch die Theorie und Praxis der Übersetzung sieht sich mit den aporetischen Bedingungen ihres Gegenstandes konfrontiert, die sich aus dem zeitlichen Abstand zwischen Originaltext und seinen Fortschreibungen in Form des übersetzten und durchaus immer wieder übersetzten und / oder auch des gar noch zu übersetzenden Textes ergeben. Diese Abfolge von Momenten, die sich anachronistisch in jeder neuen Übersetzung dokumentiert, beschreibt Walter Benjamin in seinem Aufsatz “Die Aufgabe des Übersetzers” als Überleben oder Fortleben der Werke mit ihren grundsätzlich späteren oder posthumen Implikationen – in den Übersetzungen. In der Geschichte der Kommentare zu diesem Aufsatz tritt jedoch eine Aporie hervor: die gleichzeitige Unmöglichkeit und Notwendigkeit der Übersetzung, wie sie Jacques Derrida und Haroldo de Campos (der Theoretiker der Übersetzung als “Transkreation”, d.h. einer Theorie, die sich ganz und gar des nachträglichen, ver-rückten und anachronistischen Aspekts jeder Übersetzung bewusst ist) betont haben.

Wenn die Übersetzung nach Benjamin eine Form ist, und als solche der Versuch, etwas zu fixieren, das sich grundsätzlich in Bewegung befindet, dann ist sie schon deswegen allein rhythmische Skansion. Wir schlagen also vor, die Überlegungen zum Thema der Übergänge und Strömungen wieder aufzunehmen, um die aporetischen und rhythmischen Beziehungen von Zeitlichkeit und Übersetzung in literarischen und künstlerischen Werken der lusophonen Welt herauszuarbeiten. Willkommen sind Arbeiten zur Übersetzung von Werken, die Exilerfahrungen thematisieren, sowie zu Problemen, die aus der Fixierung des zeitlichen Verlaufs auf die Linearität von Sprache resultieren. In diesem Sinne wären ebenso Beiträge interessant, die die Übersetzungen von memorialistischen und autobiografischen Werken behandeln und vor allem Sinnverformungen fokussieren, die eine unvermeidlich anachronistische Aufschreibung hervortreibt. Im Blick auf die Rolle, die literarische und künstlerische Medien im Prozess der literarischen oder intermedialen Übersetzung spielen, wären auch Vorschläge wünschenswert, die den “Ort der Edition” (oder den Ort des Kurators oder der Kuratorin im Falle der künstlerischen Übertragungen) und des Archivs in den zeitlichen Beziehungen der Werke behandeln, sei es im historischen Verlauf ihrer Rezeption, sei es in der Zeit des Jetzt – in der benjaminischen Jetztzeit, einer ebenso lebendigen wie kreativen Zeit.

Hommage: Die Sektion würdigt den brasilianischen Dichter und Übersetzer Augusto de Campos und schließt sich damit den Feierlichkeiten rund um seinen 90. Geburtstag an, der in diesem Jahr gefeiert wird. Die eingeladene Sektionsreferentin und Übersetzerin, Simone Homem de Mello, wird den von ihr organisierten und ins Deutsche übersetzten zweisprachigen Gedichtband Poesie - Eine Anthologie vorstellen, der beim Verlag Selo Demônio Negro erschienen ist 

21. Zeitlichkeit(en) in der Fachkommunikation und Translation in rechtlichen Kontexten
– Tinka Reichmann, Maria da Conceição Carapinha, Cornelia Plag –
Kontakt:
tinka.reichmann@uni-leipzig.de / cornelia.plag@fl.uc.ptmccarapinha@fl.uc.pt

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Rechtliche Kontexte, und zwar in einem breiten Verständnis von Rechtlichkeit, sind aufs engste mit dem Zeitbegriff verbunden.

Reminiszenzen

Der Stellenwert der Vergangenheit in der Welt des Rechts ist augenfällig und äußert sich an der Gewichtigkeit und der grundlegenden Bedeutung von Schriftstücken jeglicher Art. Rechtstexte (Gesetze, Akten, Anklageschriften, Registereinträge, Urteile usw.) sind ein Ort der Erinnerung, einer Vergangenheit, die dauerhaft einen Rahmen für die Gegenwart schafft und ohne die unsere Gegenwart nicht verständlich wäre. Konservativismus, mangelnde Verständlichkeit, Syntax und Terminologie der Rechtssprache sind eben auf dieses über Jahrhunderte hinweg sedimentierte Erbe zurückzuführen, das sich insofern auf die Arbeit von Übersetzern und Dolmetschern auswirkt, als diese in ihrer Mittlerrolle mit Laien und Fachleuten interagieren und sich dabei sowohl der Gemein- als auch der Fachsprache bedienen. Andererseits hat, wie Nunes do Leão schon im 16. Jahrhundert beobachtete, die Sprache der Gesetzestexte beispielsweise auch den Sprachwandel selbst beeinflusst. Seit jeher besteht also eine intrinsische Beziehung zwischen Recht und Sprache.

Wahrnehmungen

Wenn die Zeit als System von Beziehungen zwischen Mensch und Erfahrungen verstanden wird, stellt sich die Frage, wie Menschen ihre Erlebnisse wahrnehmen. Wie erinnern sie sich? Welche Rolle spielt das Gedächtnis bei der Auswahl relevanter Einzelheiten? Durch welche Filter beobachten und empfinden sie die (eigene und fremde) Vergangenheit? Geht die Zeit an uns vorüber oder geht sie eher, in Vergílio Ferreiras Worten, von uns aus? Welche Wirkung haben diese Wahrnehmungen in rechtlichen Szenarien und in der Rekonstruktion von Tatsachen? 

Und welche Wahrnehmung haben wir heute vom Recht und den verschiedenen rechtlichen Kontexten? Hat sich auch unsere Wahrnehmung der Justiz geändert? Gibt es eine Justiz oder, wie Laborinho Lúcio sagt, mehrere? Und vor allem, was charakterisiert die Kommunikation innerhalb der Justiz und die Kommunikation zwischen unterschiedlichen rechtlichen Institutionen und der Gesellschaft? 

Wie hinterfragen die portugiesischsprachigen Länder das Recht in einer Zeit großer Komplexität, Verunsicherung und Krise, welche immer auch die Kritikbereitschaft potenzieren? Welche Konvergenzen und Divergenzen zeichnen sich in diesem Austausch ab? Welche allgemeinen und besonderen Herausforderungen stellen sich hier für Portugiesisch-Übersetzer/‑Dolmetscher?

Und welche Wahrnehmung haben Übersetzer/Dolmetscher hinsichtlich ihrer Rolle in den unterschiedlichsten rechtlichen Kontexten? Welche Rolle kommt Übersetzern/Dolmetschern bei der Ausgestaltung rechtlicher Realitäten zu, die zunehmend vom Europarecht und Völkerrecht beeinflusst werden?

 

Projektionen 

Welche Zukunft bietet sich für das Recht angesichts der Krise des modern-aufklärerischen Konzepts der Rechtlichkeit (Castanheira Neves)? Und für Rechtsübersetzer/‑dolmetscher? Die Projektionen, wie wir von unserer Gegenwart aus herstellen können, umfassen unterschiedliche Bereiche, darunter auch die Kommunikation. Als vielfältiger Bereich muss sie nicht nur die systeminterne Kommunikation zwischen den verschiedenen Organen und Instanzen der rechtlichen Institutionen hinterfragen, sondern vor allem die Kommunikation mit der Außenwelt und den tatsächlich Betroffenen, in der Regel Laien. Und hier tritt erneut die Rolle von Übersetzern/Dolmetschern hervor... 

Eine weitere Projektion betrifft den wachsenden Einfluss der neuen Medien in rechtlichen Kontexten. Welchen Stellenwert haben neue Technologien in der Rechtskommunikation? Wie können sich Übersetzer und Dolmetscher in der elektronischen Kommunikation einbringen? 

 

Die Themenstellung dieser Sektion soll die Reflexion und Diskussion zu diesen Fragen anregen sowie weitere, von unterschiedlichen Standpunkten oder Fachperspektiven ausgehende Fragen aufwerfen, denn der Dialog über die Fachkommunikation sowie die Translation, also Übersetzen und Dolmetschen, im Recht ist zweifellos immer relevant und fruchtbar.

 

Quellen:

Carapinha Rodrigues, Maria da Conceição (2005). Contributos para a análise da linguagem jurídica e da interacção verbal na sala de audiências. Coimbra: tese de doutoramento.

Carapinha, Conceição e Plag, Cornelia, (2018). A interação verbal em sala de audiências: turn design. In: Marta Díaz Ferro, Gael Vaamonde, Ana Varela Suaréz, María del Carmen Cabeza Pereiro, José María García-Miguel Gallego e Fernando Ramallo Fernández (Eds.), Actas do XIII Congreso Internacional de Lingüística Xeral. Vigo: Universidade de Vigo (pp. 175-182).


Ferreira, Vergílio (1968). Aparição. Lisboa: Portugália, p. 229.Lúcio, Álvaro Laborinho (2012). O Julgamento. Uma narrativa crítica da justiça. Lisboa: D. Quixote, p. 157.

Neves, António Castanheira (2007). O direito interrogado pelo tempo presente na perspectiva do futuro. Boletim da Faculdade de Direito, vol LXXXIII. Universidade de Coimbra, p. 7.

Nunes do Leão, Duarte (1945 [1606]). Origem da Língua Portuguesa. Lisboa: Editora Pro Domo.

Plag, Cornelia (2012). Vocabulário jurídico para tradutores de português-alemão. Coimbra: tese de doutoramento.

Reichmann, Tinka (2013). A linguagem jurídica numa perspectiva histórica: contribuições de Duarte Nunes do Leão. In: Sinner, C. (ed.) Comunicación y transmisión del saber entre lenguas y culturas. Munique: Peniope, pp. 19-30

Reichmann, Tinka (2017). Schlüsseltextsorten in deutschen Strafakten. In: Roland Hoffmann, Denise Mallon und Norma Keßler (Hg.): Sprache und Recht. Berlin: BDÜ Fachverlag, pp. 100–110.

Reichmann, Tinka (2020). Welche juristischen Inhalte für die Dolmetscherausbildung? In: Babel 66 (2), pp. 311–325. DOI: 10.1075/babel.00158.rei.