Geschichte der Leipziger  Romanistik – unter besonderer Berücksichtigung der Lusitanistik

Leipziger Romanistik 


Die Geschichte 

Die Leipziger Romanistik gehört zu den traditionsreichsten in Deutschland; seit über einhundertfünfzig Jahren war sie zu allen Zeiten eine der leistungsstärksten.
Von nachweisbaren Formen des Unterrichts in romanischen Sprachen abgesehen besteht die Leipziger Romanistik seit 1862, als der erste Lehrstuhl für romanische Philologie eingerichtet wurde, den Adolf Ebert einnahm. Nach Halle (1833) war dies der zweite Lehrstuhl für romanische Sprachen und Literatur in Deutschland, die Universitäten mit längerer romanistischer Tradition – Bonn, Berlin, Marburg, Breslau – verfügten bis dato nur über romanistische Extraordinariate. 
Erst 1930 wurde mit Walter v. Wartburgs Ankunft in Leipzig die vorwiegend literaturwissenschaftliche Orientierung der Leipziger Romanistik durch eine in Forschung und Lehre gleichermaßen ausgebildete romanische Sprachwissenschaft ergänzt. Namen bedeutender Gelehrter, die später an anderen Universitäten einen hohen Ruf erwarben, sind mit der Leipziger Romanistik verbunden: Hugo Schuchardt, Gustav Weigand, Walter v. Wartburg, Kurt Baldinger. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Berufung von Werner Krauss von Marburg nach Leipzig im Jahre 1947 der eigentliche Neubeginn für die Romanistik. Nach dem Weggang von Krauss nach Berlin leitete von 1962 bis 1967 Werner Bahner das Romanische Institut. 
Schwerwiegende Folgen hatte für das Fach die Hochschulreform von 1969. Sie zerriss durch Trennung von Literatur- und Sprachwissenschaft die Einheit der Philologie. Anerkennung erlangten in den achtziger Jahren die Leipziger romanistische Soziolinguistik, die Rumänistik, die Kreolistik und Afrolusitanistik sowie die Forschungen zum deutsch-spanischen Sprachvergleich und zur spanischen Verbsemantik. Schon vor 1989 konnte man sagen, dass in Leipzig in allen romanischen Sprachfächern ausgebildet wurde, vom Französischen über das Spanische, Italienische, Portugiesische bis hin zum Rumänischen und Katalanischen. Vereinzelte Veranstaltungen gab es sogar zum Galicischen und Korsischen. 
 

Aktuelles 

Im Jahr 1993 erfolgte die Neugründung der Leipziger Romanistik als eines von 10 Instituten der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig.
Am Institut ist heute die Romanistik als Lehr- und Forschungseinheit in vier romanischen Hauptsprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch) sowohl in ihren europäischen Dimensionen („Alte Romania“) als auch als interdisziplinär vernetzte weltweite Frankophonie und Lateinamerikanistik („Neue Romania“) vertreten. Die durch diese Vielfalt gegebene breite innerromanische Vergleichsgrundlage ist nicht nur ein Standortvorteil für Forschung und Lehre, sondern wird auch von den Studierenden als Chance für eine breite Palette von Fachkombinationen wahrgenommen.
Die neue Struktur der 5 Eckprofessuren (Romanische Sprachwissenschaft mit den Schwerpunkten Französistik und Italianistik, Romanische Literaturwissenschaft und Kulturstudien mit den Schwerpunkten Französistik und Italianistik, Romanische Sprachwissenschaft mit den Schwerpunkten Hispanistik und Lusitanistik, Romanische Literaturwissenschaft und Kulturstudien mit den Schwerpunkten Hispanistik und Lusitanistik, Didaktik der romanischen Sprachen) schafft im Institut eine gemeinsame transdisziplinäre wissenschaftliche und operative Basis, die eine Zusammenarbeit zwischen Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Didaktik der romanischen Sprachen ermöglicht, so dass das Institut als Ganzes an internationale wissenschaftliche Standards anknüpfen kann.
Diese Profilbildung spiegelt sich – neben den Lehramtsstudiengängen Französisch, Spanisch, Italienisch – insbesondere in den Bachelorstudiengängen (Romanistik im Kernfach und im Ergänzungsfach mit der Kombinationsmöglichkeit der vier Fächer Französistik, Hispanistik, Lusitanistik und Italianistik) und in den konsekutiven Masterstudiengängen mit zusätzlicher Spezialisierungsmöglichkeit in den MA-Studiengängen Frankreich und Frankophonie sowie Lateinamerikastudien wider. 
In Schlüsselqualifikationsmodulen werden zudem rumänistische Kurse angeboten. Durch die Einbettung in das Leipziger interfakultäre Bachelormodell können Studierende weitere romanistische Module aus dem Galicisch- und Katalanisch-Angebot des Instituts für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) in den Studienplan integrieren.

Die Leipziger Lusitanistik

 

Historisches

Die Lusitanistik als Hochschuldisziplin kann in Leipzig auf eine rund ein halbes Jahrhundert währende Entwicklung zurückblicken. Zwar hatte sich bereits der erste Ordinarius für Romanistik, Adolf Ebert, Ende des 19. Jh. auch mit portugiesischer Literatur befasst, doch blieben – in Leipzig wie in der gesamten deutschen Romanistik – lusitanistische Themen lange Zeit marginal. In den späten 1950-er Jahren gab es am Romanischen Institut portugiesischen Sprachunterricht und Portugiesisch konnte als 3. Fach im Rahmen des Diplomstudiengangs Romanistik studiert werden. 
Die eigentliche Entwicklung lusitanistischer Studiengänge setzte erst nach 1974 ein, als wegen des wirtschaftlichen, politischen und militärischen Engagements der DDR-Regierung in den portugiesischsprachigen afrikanischen Staaten ein akuter Bedarf an Dolmetschern, Übersetzern und Sprachlehrern entstand. In dieser Zeit entwickelte sich in Leipzig die Afrolusitanistik. 
 

Aktuelles

Das Portugiesische hat am Leipziger Institut für Romanistik in den letzten 25 Jahren eine solide Verankerung in Forschung und Lehre  behaupten können. Eine wichtige Basis dafür war die paritätische Ausrichtung von zwei der vier philologischen Professuren auf das Spanische und Portugiesische. Auch die strukturelle Einbindung in die ehemaligen Studiengänge (Studium des Portugiesischen mit Abschluss im Magister, Diplomübersetzer und Diplomdolmetscher bis 2006) sowie in die heutigen Bachelor- und Masterstudiengänge mit der Möglichkeit einer Spezialisierung in Lusitanistik/Brasilianistik waren bzw. sind entscheidende Faktoren.
Ein Zeichen für die Bedeutung des Standortes Leipzig in der Portugiesischausbildung in Deutschland ist auch die seit der Neugründung des Instituts kontinuierliche Förderung einer Lektorenstelle durch die portugiesische Regierung (Instituto Camões).

Im Jahr 2018 konnten nach Emeritierung beide Eckprofessuren mit Schwerpunkt Hispanistik und Lusitanistik personell neu besetzt und zukunftsorientiert aufgestellt werden.

Seit der Berufung von Jobst Welge auf die Professur für Romanische Literaturwissenschaft und Kulturstudien mit den Schwerpunkten Hispanistik und Lusitanistik stehen im Zentrum der Forschung und Lehre u.a. die Roman- und Gattungstheorie, world literature, internationale Narrative tropischer Landschaft, Darstellungen von Individuum und "Masse" in den iberoamerikanischen Kulturen des 19. bis 20. Jahrhunderts sowie mythologische und satirische Diskurse in der Literatur der Frühen Neuzeit. 
Im Bereich der Sprachwissenschaft liegt der Schwerpunkt der durch Benjamin Meisnitzer neu besetzten Professur für Romanische Sprachwissenschaft mit den Schwerpunkten Hispanistik und Lusitanistik auf den Gebieten der kontrastiven Linguistik, der Varietäten- und Standardisierungsforschung, dem Sprachwandel, der Temporalsemantik, der Modalität und der Grammatiktheorie aus diachroner und synchroner Perspektive. Künftig sollen auch Synergieeffekte zwischen der Linguistik und der Fachdidaktik in der Spracherwerbsforschung und in der Inklusionspädagogik im Hinblick auf Mehrsprachigkeit genutzt werden.
 
Lehre und Forschung sind eingebettet in zahlreiche internationale Kontakte. Bereits in den 2000-er Jahren begann eine enge Zusammenarbeit mit brasilianischen Universitäten im Rahmen von DAAD/CAPES- und PROBRAL-Projekten in São Paulo, Curitiba und Florianópolis. 
Neben individuellen Forschungspartnerschaften unterhält die Leipziger Lusitanistik heute im ERASMUS+-Programm einen regelmäßigen Studierenden- und Dozierendenaustausch mit acht Universitäten in Portugal, über bilaterale Universitätskooperationen besteht ein Austausch mit Universitäten in Recife, São Paulo und Nampula.
Die Zusammenarbeit mit dem Leipziger Nachbarinstitut IALT im Rahmen der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern soll eine weitere Stärkung der Position des Portugiesischen in Leipzig mit sich bringen.

 

Das Portugiesische am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT)

In den früheren Diplomstudiengängen gehörte Portugiesisch zu den Sprachen, die im Bereich der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung angeboten wurden. Im Diplom-Studiengang Übersetzer konnte man Portugiesisch als Haupt- und als Nebenfach, im Studiengang Dolmetscher als Nebenfach studieren. Nach Auflösung der sprachübergreifenden Sektion für Theoretische und Angewandte Sprachwissenschaft (TAS) und seit Gründung des Instituts für Romanistik im Jahr 1993 übernahm letzteres die Sprachausbildung im Bereich Portugiesisch; die Translationsausbildung verblieb weiterhin am IALT. Nach 1994 änderte sich das Sprachenspektrum gegenüber den Vorjahren etwas. In der Dolmetscherausbildung waren Sprachen weggefallen, allerdings war Portugiesisch als Nebenfach hinzugekommen. Portugiesisch als translatorisches Fach wurde erst mit dem Bologna-Prozess eingestellt.
Am IALT wurde dennoch, seit Prof. Carsten Sinner auf die Professur für Iberoromanische Sprach- und Übersetzungswissenschaft berufen wurde (2008), das Portugiesische im Rahmen der Lehrveranstaltungen und Abschlussarbeiten wieder gestärkt. 2017 stieß Prof. Tinka Reichmann dazu, die an der Universität São Paulo (USP) ca. 10 Jahre Translation und Translationswissenschaft gelehrt hatte. Beide sind auch gerichtlich beeidigte Übersetzer und Dolmetscher für das Portugiesische. Derzeit werden einzelne Arbeiten betreut. Außerdem laufen am IALT vier Forschungsprojekte mit brasilianischen Partnern bzw. mit Bezug zur portugiesischen Sprache.
Ab 2021 soll die portugiesische Sprache in Kooperation mit der Romanistik, der Botschaft Portugals und dem Instituto Camões wieder in den Masterstudiengang Translatologie aufgenommen werden.